Die holistische Dimension der Handlung

„Furcht ist der Gegner, der einzige Gegner.“ Sunzi (544-496 v. Chr.)

Bis morgen soll ich den Artikel abgeben und habe immer noch keinen Plan, wie ich ihn sinnvoll beende. Indem ich mir vorstelle, dass die Zeit immer knapper wird und dass mir einfach nichts einfällt, dreht sich eine Zweifelspirale in meinem Kopf. Ich lasse mich von allen möglichen Dingen ablenken. Und der innere Druck steigt. Die Angst es nicht rechtzeitig zu schaffen wird zum machtvollen Gegner. Sie legt meine Handlungsenergie lahm

In dieser Situation handle ich nur in Gedanken, indem wir uns eine sorgenvolle Zukunft vorstellen oder uns mit Zweifeln und Misserfolgen aus der Vergangenheit befassen. Das Ergebnis – das Handeln wird unendlich anstrengend, weil wir diese inneren Widerstände überwinden müssen. Widerstände kosten einfach Kraft und Energie.

Wie sehr muss ich gerade Sunzi recht geben, die Furcht ist mein Gegner. Jetzt tue ich das, was ich immer tun kann in solchen Situationen, ich trete innerlich ein Stück zurück, werde zur Beobachterin meiner selbst. Ich erlaube mir wahrzunehmen, was gerade in mir und um mich herum geschieht mit einem verständnisvollen Blick auf mich selbst. Ich spüre wie flach mein Atem ist und wie angespannt mein ganzer Körper. Auch das akzeptiere ich. So ist es eben gerade jetzt. Aus dieser Haltung heraus entsteht die Frage: „Was kann ich mir jetzt Gutes tun?“

Ein kleiner Spaziergang wäre nicht schlecht. Also ziehe ich mich an und gehe ein paar Schritte und versuche dabei aufmerksam mich selbst zu beobachten: die Gedanken, die kommen; die Gefühle, die da sind und was in meinem Körper passiert. Während ich mich bewege entspanne ich mich, mein Atem wird ruhiger und tiefer. Ich beobachte ein Blatt, das mit dem Wind tanzt, steigt und sinkt, bis es schließlich liegen bleibt.

Plötzlich wie aus dem Nichts ist eine Idee da: Ich will den Artikel mit dem Bild des Tanzes im übertragenen Sinne abschließen. Die Furcht löst sich auf, wie eine Staubwolke, die der Wind zerstreut.

Gestärkt und beschwingt setze ich mich zuhause wieder an den Schreibtisch und meine Finger fliegen über die Tasten. Es macht regelrecht Freude den Artikel zu beenden.

Ängste katapultieren uns blitzschnell aus der Gegenwart und damit aus der Handlungsfähigkeit. Denn nur im Jetzt sind wir in der Lage etwas zu tun oder bewusst zu entscheiden etwas nicht zu tun. Weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft kann ich etwas tun. Obwohl wir in unserer Gedankenwelt so tun als wäre es möglich, indem wir uns alle möglichen Handlungen vorstellen.

In meinem Beispiel war die Handlung – das Spazierengehen mein erster Schritt raus aus den sinnlosen Gedankenkreisläufen. Mein Gehen hat anderes in Gang gebracht. Die tanzenden Blätter waren ein wichtiger Impuls für mich, die Lösung nach der ich suchte. In diesem Bild hat sie mich gefunden.

C. G. Jung nannte es Synchronizität  – das Außen interagiert mit meinem inneren psychischen Zustand und ich habe es dankbar wahrgenommen. Voraussetzung war ein erster Handlungsschritt

Rupert Sheldrake spricht in diesem Zusammenhang von Intentionsfeldern, die sich weit über unser Gehirn hinaus erstrecken und mit dem Außen interagieren. Das heißt, wenn ich die klare Intention mit auf meinen Sparziergang nehme und aufmerksam bleibe, antwortet mir das Außen. Eine gute Erfahrung. Es stellt sich das Gefühl der Selbstregulation ein und das Vertrauen, das durch Verbundenheit entsteht.

Mit einem Mal sehe ich glasklar, wie wichtig es ist ganz praktisch zu handeln und es nicht nur gedanklich zu tun. Dieser erste kleine Schritt – mag er noch so unbedeutend sein – bringt mein Stocken wieder in den Fluss. Auch wenn ich noch nicht weiß, was dabei herauskommen wird, ist es diese kleine Aktion, diese Bewegung, die in mir etwas bewegt.

Manchmal zwingt dich das Leben ins Leben

In mir wirkt noch der gestrige Film nach. Ein Mann verursacht durch Sekundenschlaf einen schweren Unfall und den Tod seiner Freundin. Er selbst kommt mit einem gebrochenen Arm und ein paar Prellungen davon. Doch ihn plagen heftige Trauer und Schuldgefühle so sehr, dass er nicht mehr Leben möchte. Genau in dem Moment, als er die Pillen schlucken möchte, wird auf ihn geschossen. Instinktiv flüchtet er und eine schmerzhafte Odysee beginnt – die atemberaubende Flucht um sein Leben lässt ihm keine Zeit für seinen emotionalen Schmerz. Immer dann, wenn er glaubt, jetzt geht es nicht mehr weiter, jetzt sitzt er endgültig in der Falle, tut sich im Augenblick eine neue Handlungsmöglichkeit auf.

Alle seine Sinne sind wach und im Prinzip hat er keine Zeit zum Überlegen.

Auf der instinktiven, roten Ebene (vgl. Spiral Dynamics) kämpft der Held ums Überleben – auch mit Gewalt, wenn sein Leben direkt bedroht ist.

Es geht darum die sichere US-Botschaft in diesem fremden Land zu erreichen, dessen Sprach er nicht spricht. Rein intuitiv bittet er meistens die richtigen Leute um Hilfe und ergreift beherzt, die sich ihm bietenden Gelegenheiten. Immer wieder kassiert er neue Verletzungen, neuen Schmerz; immer wieder wird er notdürftig versorgt; immer wieder stellen sich ihm neue Hindernisse und Verfolger in den Weg.

Es mutet fast so an als müsse er einen schwerhaften Läuterungsprozess durchlaufen. Als zwinge ihn das Leben die Umstände trotz Schmerz um sein Leben zu rennen. Ihm wird nur gerade so viel Verschnaufpause gegönnt, wie er braucht um etwas neue Kraft für den nächsten Kampf zu schöpfen.

Im Prinzip verfolge ich als Zuschauer eine intensive Auseinandersetzung mit Lebensherausforderungen, wie wir sie in heftigen Lebenskrisen kennen. Situationen, in denen uns plötzlich alle Sicherungen entzogen sind, alle Strukturen und bisherige Strategien nicht mehr tragen. Wie der Darsteller verstehe ich noch nicht die Zusammenhänge und habe nur das vage Ziel im Neuen anzukommen, dem Ort, wo ich mich wieder sicher und geschützt fühlen kann. Für lange Überlegungen bleibt keine Zeit. Das Verstehen der Situation bringt nicht viel, den mir fehlen noch wichtige Hinweise. Einen Reim auf das ganze Geschehen, kann ich mir erst rückblickend machen. Was bleibt ist das intuitive, beherzte Handeln. Das Handeln von Situation zu Situation.

Als er sich bei dem Ziel seiner Reise angekommen fühlt, bricht zunächst einmal der emotionale Schmerz durch und ihm wird bewusst, wie schuldig er sich fühlt. Auch das kenne ich besonders, wenn es gilt den Verlust eines Menschen zu verdauen. Die verdrängten Schuldgefühle brechen mit Macht hervor und schütteln das Selbst durch. Ein Schmerz, der schwerer zu ertragen ist als das physische Leid. Doch das Leben hat schon die nächste Herausforderung bereit. Die Sicherheit der Botschaft ist trügerisch. Die Jagd geht weiter. Wieder ist schnelles Handeln angesagt, um zu überleben, um die Existenz zu sichern. Und es bietet sich die wunderbare Möglichkeit durch Handeln einen sinnvollen Ausgleich der Schuld zu schaffen, indem er ein Menschenleben rettet und damit auch sich selbst.

Auf diese Weise werden die Schuldgefühle durch sinnvolles Handeln auf eine andere Ebene transformiert. Die Schuld am Tod eines Menschen wird symbolisch ausgeglichen durch die Rettung eines anderen Lebens.

Damit verlässt er die egozentrische Ebene, den reinen Fokus auf den eigenen Schmerz und kann sich wieder auf Beziehung einlassen, auf Menschen, die ihm mitfühlend zur Seite stehen.

Das kennst du sicher selbst aus der Verarbeitung von schmerzhaften Verlusten. Irgendwann bietet sich dir die Gelegenheit durch dein Handeln die Schmerzenergie in konstruktive Bahnen zu lenken. Wieder für andere handelnd da zu sein, erfüllt dich mit Zuversicht und Liebe.

Ganz im Sinne von Laotse:  „Geliebt zu werden macht uns stark, zu lieben macht uns mutig.“

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